Georg Schumann: Ruth
Oratorium für gemischten Chor, Soli und Orchester (1908)

 

Programmblatt der Uraufführung

Das Oratorium "Ruth" gehört zu den bekanntesten Werken Georg Schumanns (1866-1952). Er schrieb es 1908 auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens. Während des Jahres, das zur ersten Aufführung von "Ruth" führte, war Schumanns Aufmerksamkeit fast ausschließlich diesem großen Chorwerk gewidmet. Die Chorproben begannen im Herbst des Jahres 1908 und am 7. Dezember desselben Jahres wurde das Oratorium in Hamburg mit der dortigen Sing-Akademie und dem Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Professor Richard Barth uraufgeführt und mit größtem Beifall bedacht. Die Berliner Premiere fand bald danach am 19. März 1909 unter Leitung des Komponisten und Mitwirkung des Berliner Philharmonischen Orchesters und der Sing-Akademie zu Berlin statt. Das Werk wurde so gut aufgenommen, dass "Ruth" dort bis 1936 regelmäßig zur Aufführung kam.

 

Die Zeitungen lobten den Komponisten und das Werk in vielerlei Hinsicht:

Hamburger Nachrichten: "In seinen rein musikalischen Werten ruht seine Bedeutung: mit seiner milden, klaren Schönheit, mit seiner Gefühlswärme und seiner vornehmen Art verknüpft sich sein Reiz, seine Wirkung. Die Aufführung der mit großem Beifall aufgenommenen Novität war sehr anerkennenswert."

 

Die Post: "Die Chöre sind Gebilde von wahrhaft berauschender Klangschönheit. Hier fühlt der Hörer, dass Georg Schumann die Kunst des Chorsatzes, der Steigerung aller Klangmittel vollkommen beherrscht. Der volle Saal jubelte mit stürmischem Beifall zum Schluss dem Komponisten zu."

 

Im März 1910 erfolgte die USA-Premiere von "Ruth" sogar durch zwei Konzertgesellschaften: das Oberlin Conservatory of Music und den Apollo Music Club of Chicago.

 

Programmheft der Amerikanischen Erstaufführung Die American Ocean Zeitung schrieb dazu:

"Georg Schumanns Oratorium »Ruth«, das der Apollo Club aufführte, erfüllt vollständig die hohen Erwartungen, die seine Ankündigungen und das Studium seines Aufbaues unter Musikern und ernsthaften Musikliebhabern erweckt hatten. Man kann ohne Furcht auf Widerspruch zu stoßen, sagen, daß es ein Werk von großer Schönheit, hohem Ziel und wirklich meisterhafter Kunst ist. Lange Bekanntschaft mit den Werken Georg Schumanns hat viele überzeugt, dass er unter den deutschen Komponisten der Gegenwart als rangnächster nach Richard Strauss anzusehen ist. Nachdem man Ruth gehört hat, ist man versucht, einen Schritt weiter zu gehen und ihn Strauss überlegen zu erklären, in allem was künstlerische Aufrichtigkeit und Adel der Absicht und der Ziele betrifft. Schumann mag nicht das ungeheure technische Geschick haben, das Strauss befähigt hat, solche Wunder orchestraler Effekten zu bieten. Aber er hat etwas besseres. Er ist ehrlich gegen sich und sein Publikum. Er versucht nicht, uns zu erstaunen durch unmögliche orchestrale Waffen, durch grausame Dissonanzen oder durch Gegensätze. Vielmehr sucht er eine Symbolik für Poesie und Gemüt eines einfachen aber schönen Gegenstands zu finden. Und nachdem er diese gefunden, gibt er sie meisterhaft in Tönen wieder, die in ihrer Symmetrie und Schönheit dem Adel des Gegenstandes entsprechen. Mit andern Worten: Schumann ist treu den besten Traditionen seiner Kunst, nicht nur der Gegenwart, sondern aller Zeit."

 

Andere international beachtete Aufführungen von "Ruth" fanden 1911 beim Sheffield Music Festival in England statt. Die New Yorker Erstaufführung in der Carnegie Hall wurde 1913 durch die Oratory Society unter der Leitung von Louis Koemmenich dargeboten.

Das Werk konnte jedoch aufgrund seiner alttestamentarischen Thematik dem Antisemitismus der Nationalsozialisten nicht entgehen und eine geplante Aufführung 1942 wurde kurzfristig verboten. Verbittert schrieb Schumann an Dr. Drewes, den zuständigen Abteilungsleiter der Musik im Propagandaministerium, in dem es zuletzt sarkastisch heißt:


"Befremden tut mich auch die Tatsache, daß man dann noch Werke wie das Brahmsche Requiem, alttestamentliche Werke von Bruckner, Psalmen von Liszt, den 100. Psalm von Reger, Ernste Gesänge von Brahms, um nur einiges zu nennen, zuläßt. Ebenso hätte ich gehofft, daß die Aufführung der Salome im Opernhaus, deren Text noch dazu von einem Engländer ist, sich auf meine Ruth günstig auswirken würde, die doch gegenüber der Salome ein keusches Weib ist."

 

Programmblatt der Uraufführung Schumann, der vielen einflussreichen Institutionen vorstand, allerdings kein Mitglied der Partei war, wollte sein Haupt- und Lieblingswerk für eine Aufführung retten und war deswegen schweren Herzens bereit, den Text zu ändern. Das Werk erhielt jetzt den Titel "Lied der Treue". Gemeinsam mit Georg Schünemann, dem damaligen Leiter der Musikabteilung der Preußischen Staatsbibliothek, überarbeitete er den Text und legte ihn dem Propagandaministerium vor. Für den 12. Februar 1943 wurde "Ruth" als weltliches Oratorium mit neuem Text angekündigt. Der Verlag stellte einen neuen Klavierauszug her, die Handlung wurde nach China verlegt. In dieser Form ist das Werk 1944 noch einmal erklungen.

1946, zu Schumanns 80. Geburtstag, wurde es im Haus der Rundfunks wieder in der Originalfassung und unter Schumanns Leitung aufgeführt.


Mit Unterstützung der GEMA, die Schumann zu ihrem Ehrenmitglied ernannte und deren Vorläufer-Gesellschaften er über Jahrzehnte mit geprägt hat, in Zusammenarbeit mit der Georg Schumann Gesellschaft, die der Wahrung des künstlerischen Vermächtnisses Schumanns verpflichtet ist, wollen Jörg-Peter Weigle, der Philharmonische Chor Berlin und die Berliner Symphoniker dieses Oratorium nun wieder erwecken und dem Publikum am 4. November 2003 erneut vorstellen.

Michael Rautenberg

Vorsitzender der Georg Schumann Gesellschaft